Niemand ist, was er zu sein scheint.
🌟 MontagsGedanke 179
Kürzlich bin ich über einen Satz gestolpert, der bei mir hängen geblieben ist: «Niemand ist, was er zu sein scheint.» Er stammt aus Das Labyrinth der Lichter von Carlos Ruiz Zafón.
Ein ziemlich mächtiger Satz. Und einer, über den es sich lohnt, etwas länger nachzudenken. Wir Menschen sind nämlich erstaunlich schnell darin, andere Menschen einzuordnen. Sympathisch. Schwierig. Kompetent. Arrogant. Unsicher. Engagiert. Unzuverlässig. Nach wenigen Begegnungen entsteht ein Bild – und sobald dieses Bild einmal da ist, finden wir zuverlässig Hinweise dafür, dass es stimmt.
🔬 Fachlich lässt sich das unter anderem mit dem Bestätigungsfehler erklären. Wir nehmen Informationen bevorzugt wahr, die zu unseren bestehenden Annahmen passen. Was nicht ins Bild passt, gewichten wir weniger stark oder übersehen es ganz. Aus einer ersten Einschätzung kann so ziemlich schnell eine vermeintliche Gewissheit werden.
Gerade in der Führung ist das heikel. Wer einen Mitarbeitenden einmal als wenig belastbar erlebt hat, interpretiert vielleicht auch spätere Situationen durch genau diese Brille. Wer jemanden für besonders kompetent hält, verzeiht derselben Person möglicherweise Fehler, die bei anderen sofort auffallen würden.
💡 Im Leadership Coaching finde ich deshalb eine Frage besonders wertvoll: Was weiss ich wirklich über diese Person – und was glaube ich lediglich zu wissen?
Das bedeutet nicht, dass wir auf Einschätzungen verzichten sollen. Wir brauchen sie, um uns in sozialen Situationen orientieren zu können. Entscheidend ist vielmehr, unsere Bilder beweglich zu halten. Neugierig zu bleiben. Nachzufragen. Und dem Gegenüber die Möglichkeit zu geben, uns zu überraschen.
Vielleicht steckt hinter der vermeintlichen Arroganz Unsicherheit. Hinter dem Widerstand eine Erfahrung, die wir nicht kennen. Hinter der Zurückhaltung eine ziemlich klare Meinung. Und vielleicht ist der Mensch, den wir längst zu kennen glauben, deutlich vielschichtiger, als unser Bild von ihm.
🔥 Wunderpunkt als Sparringpartner
Der wunde Punkt liegt nicht darin, dass wir uns ein Bild von anderen machen. Das tun wir automatisch. Problematisch wird es, wenn wir vergessen, dass es eben nur ein Bild ist.
🚀 Wochenchallenge
Nimm diese Woche eine Person, bei der du glaubst, ziemlich genau zu wissen, wie sie tickt. Und stelle dir eine einzige Frage: Was könnte ich über diesen Menschen noch nicht verstanden haben?
Vielleicht lohnt sich ein zweiter Blick. Denn: Niemand ist, was er zu sein scheint.
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